Unterwegs gesehen: Paula Modersohn-Becker – Alte Armenhäuslerin (1907)

(Öltempera auf Leinwand, 96,3 x 80,2 cm)

Der vollständige Titel dieses Bildes lautet: „Alte Armenhäuslerin im Garten mit Glaskugel und Mohnblumen“. Ziemlich sperrig, oder? Aber eine klare Beschreibung des Bildinhalts.

Gesehen habe ich dieses und andere Bilder von Paula Modersohn-Becker (1876 – 1907) vor ein paar Jahren in einer Ausstellung im Bahnhof Rolandseck bei Remagen. Dort wurden sie präsentiert im Dialog mit Zeitgenoss*innen und Vorbildern.

Die junge Paula hat in einer Zeit, als Frauen an Kunstakademien nicht zugelassen waren (unter anderem wegen der Aktmalklassen), ihren Lebensweg trotzdem in der Malerei gesehen. Und diesen Weg hat sie konsequent und gegen alle Widrigkeiten verfolgt. Sie hat in ihrem kurzen Leben viele Bilder und Zeichnungen geschaffen und ihren ganz eigenen Malstil entwickelt. Das fasziniert mich immer wieder.

Was fällt mir bei der Betrachtung auf?

Das Bild ist in kräftigen, eher dunklen Farben gemalt. Die Formen sind stark vereinfacht und flächig gestaltet, meist von dunkleren Linien begrenzt. Die rechte Bildseite wird von der alten Frau dominiert, auf der linken Seite finden sich die große Glaskugel im Hintergrund und davor die Mohnblumen in verschiedenen Blühstadien.

Die Jacke der Frau in warmem Orange bildet einen Komplementärkontrast zum dunklen Grün des Gartens und der Pflanzenteile. Die Glaskugel enthält ähnliche Farben und ist von ähnlicher Form wie das Gesicht der Frau. Das Muster im Rock der Frau korrespondiert mit den Mohnblüten. Während die Frau von den Mohnblüten umgeben ist, hält sie eine andere Blüte in Händen, anscheinend einen Fingerhut. Ihr Blick geht zur Seite, sie schaut die Betrachtenden nicht an, ihr Mund ist verschlossen. Sie hat nichts zu tun mit ihrer Umgebung, nichts mit der Malerin, sie sitzt nur da, weil sie (vermutlich) Geld dafür bekommt. Aber sie wirkt mit ihren übereinander liegenden Händen entspannt und in sich ruhend.

Was nehme ich für mich mit?

Mir gefällt die klare Formgebung und die Vereinfachung auf das Wesentliche.

Licht und Schatten sind sparsam eingesetzt, um die Frau plastisch zu gestalten, alle anderen Elemente im Bild bleiben eher flach. Hier wird also nicht nur mit farblichen und Tonwert-Kontrasten gearbeitet, auch der Unterschied in der Darstellung der Frau und ihrer Umgebung ist eine Form von Kontrast und sorgt für eine Hierarchie im Bild: Die Frau ist das Motiv, alles andere ist Ausschmückung.

Das ist etwas, was ich zur Zeit mit meinen Leuchtturm-Portraits ebenfalls versuche: Einen ähnlichen Kontrast zwischen dem Motiv Leuchtturm und dem Hintergrund zu schaffen.

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