Sehen und Wahrnehmen (2): Der ferne und der nahe Blick

Das Foto oben links habe ich vor ein paar Jahren in Südfrankreich gemacht. Wir saßen in einem Bistro beim Essen und quer über einen Platz hinweg sah ich hinter Mülltonnen etwas, das mich an Bilder von Pierre Soulages oder Franz Kline erinnerte. Nach dem Essen habe ich dieses Motiv dann fotografiert.

Heute möchte ich es als Anregung nutzen für ein …

Gedankenexperiment

Stell dir vor, wir gehen zusammen durch ein Kunstmuseum. Wir betreten einen Raum und ein Bild an der Wand gegenüber fängt unseren Blick.

Was genau sehen wir aus dieser Distanz? Was nehmen wir wahr?

Wir nehmen Kontraste wahr, sehen helle und dunkle Bereiche, sehen die großen, farbigen Formen im Bild. Details sind aus dieser Entfernung nicht zu erkennen. Das, was uns anspricht, ist die Bildkomposition als Ganzes.

Dann nähern wir uns dem Bild. Wir erkennen immer mehr Einzelheiten, nehmen wahr, wie sich die großen Formen aus kleineren zusammensetzen, dass eine Farbfläche aus verschiedenfarbigen Teilen besteht.

Und schließlich stehen wir direkt vor dem Bild, schieben unser Gesicht so weit vor, wir wir können, ohne Alarm auszulösen. Wir sehen die Pinselstriche, wir sehen feine Linien und zarte Lasuren, die den Untergrund durchschimmern lassen, wir sehen die Texturen im Bild, die wir spüren könnten, dürften wir das Bild berühren.

Ein Bild kann uns also ganz unterschiedliche Erfahrungen bieten, je nachdem, ob wir es aus der Ferne oder Nähe betrachten. Ein Bild sollte uns unterschiedliche Erfahrungen bieten, damit es nachhaltig interessant ist.

Und genau diese Idee können wir nutzen, wenn wir selber malen.

Nah und fern

Ich mag es, ein Bild in mehreren Schichten aufzubauen. Ich lasse Untergrund durchscheinen oder lege ihn durch Schleifen wieder frei, erzeuge optische oder haptische Texturen, zeige Pinselstriche oder verwische sie zu weichen Flächen. Vielfalt im Kleinen macht ein Bild spannend, wenn ich es vom Nahen betrachte.

Aber ich muss auch daran denken, wie das Bild auf Distanz wirkt. Wo soll mein Fokus liegen? Was soll den Blick als erstes anziehen? Welche Form hat meine Bildkomposition?

Male ich etwas Gegenständliches, ergibt sich meist aus dem Motiv selbst dieser Fokus. Bei abstrakten Bildern entwickelt er sich bei der Arbeit und wird klarer, je weiter das Bild gediehen ist.

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