Kunst und Betrachtende – Zitat von Georges Braque

Polymorph – vielgestaltig. Ein Wort, das ich nicht direkt mit Kunst, mit einem Kunstwerk in Verbindung gebracht hätte. Ein Bild ist ein Bild und eine Skulptur ist eine Skulptur.

Aber das ist zu kurz gedacht.

Das Bild existiert ja nicht für sich allein. Es ist üblicherweise von einem Menschen erschaffen worden, der damit etwas darstellen, etwas ausdrücken will. Die Wahl des Motivs, der Farben, der Technik usw. sind eine persönliche Wahl. Und dabei spielen Erfahrungen, Erinnerungen, Vorlieben, Abneigungen, dabei spielt der ganze Mensch eine Rolle.

Und genauso spielen die Erfahrungen, Erinnerungen, Gefühle der Betrachtenden eine Rolle. Jede und jeder sieht ein Bild aus einer persönlich gefärbten Perspektive.

Ein Beispiel: Ich liebe das Meer. Bilder vom Meer lösen in mir Freude und Sehnsucht aus, ich höre das Rauschen der Wellen, spüre die Kühle des Wassers, rieche die Mischung aus Salz und Tang in der Luft. Jemandem, der das Meer fürchtet, werden sich dagegen vielleicht die Haare sträuben, er fühlt sich unwohl, empfindet das Bild als bedrohlich.

Abstrakte Bilder sind da noch offener für persönliche Interpretationen. Möglicherweise ein Grund, warum viele Künstler*innen ihnen keinen Titel geben, um nämlich den Spielraum für Sichtweisen weit zu lassen.

Der Mensch ist ein Augenwesen, das sich stark an sichtbaren Eindrücken orientiert und auf den ersten Blick hin eine Situation beurteilt. Auch beim Betrachten von Bildern haben wir meist sofort einen ersten Eindruck, ein erstes Gefühl für (oder gegen) ein Bild.

Ich überlege gerade, ob ich – wenn ich mir mehr Zeit nehme – einem Bild einen zweiten oder dritten Eindruck entlocken kann und so vielleicht zu einer polymorphen Betrachterin werde.

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