Ich gestehe, ich bin nicht so die Zeichnerin. Nicht, wenn es darum geht, detailliert und filigran Bilder zu zeichnen.
Ich mag, mit wenigen Strichen ein Motiv aufs Papier zu bringen. Die groben Umrisse, die Bildaufteilung zu skizzieren, das fällt mir leicht und macht Spaß. Aber mit viel Arbeit dieses Motiv dann auszuarbeiten mit Licht und Schatten, mit Texturen und Schraffuren und was weiß ich – da bin ich raus!
Aber ich vermute, um die „Feinarbeit“ geht es David Hockney gar nicht. Ihm geht es darum, dass wir richtig hinschauen sollen.
Was passiert, wenn du an ein Haus denkst? Du hast eine Art Modell vor deinem inneren Auge mit Wänden, Dach, Fenstern, Tür und vielleicht noch einem Schornstein. Ein Musterhaus sozusagen. Solche inneren Bilder haben wir von vielen Begriffen. Aber sie sind Stereotype, Verallgemeinerungen und Vereinfachungen. Sie sind nicht real.
Worum es Hockney (meiner Ansicht nach) beim Zeichnen geht: Wir sollen genau hinsehen, was wir vor uns haben. Wir sollen Details wahrnehmen, Individuelles, Spezifisches. Weil das viel spannender ist als ein Klischee.
Welchen Winkel bilden die Dachseiten am Giebel miteinander? Wo befindet sich die Tür im Verhältnis zu den beiden Seitenwänden? Und wie hoch ist sie proportional zum Haus?
Oder beim Zeichnen von Pflanzen: Welche Form haben die Blätter? Wie verhält sich diese Form, wenn das Blatt sich dreht? Welche Formen entstehen in den Zwischenräumen von Blättern und Stielen?
Ich denke, es geht um Aufmerksamkeit und Vorurteilsfreiheit. Wahrnehmen, was vor uns ist, zeichnen, was wir wirklich sehen, und nicht, was wir glauben zu sehen.
Auf diese Weise kann Zeichnen eine Übung fürs Leben sein, dafür, unsere Umgebung in Ruhe zu betrachten und offen zu sein für die Begegnung mit ihr.
Und vielleicht funktioniert das auch ohne Zeichnen. Ich versuche das jedenfalls immer wieder, zum Beispiel, wenn ich auf Reisen bin. Den Blick nicht nur auf die offensichtlichen Dinge richten, sondern schweifen lassen. In einem Fenster im ersten Stock eine witzige Dekoration entdecken oder ein Fahrrad auf einem Balkon, auf den es nur hochkant passt. Ein interessantes Muster aus Rissen im Asphalt oder die gemalte Katze neben dem Regenfallrohr. Es gibt so vieles zu entdecken, wenn wir uns nur die Zeit nehmen, hinzuschauen.


