17. Dezember

17. Dezember

Ich war neunzehn und stand in der Neuen Pinakothek in München vor dem Bild irgendeines Königs, dessen goldene Insignien glänzten wie frisch poliert.

Nicht, dass mich der Portraitierte an sich interessiert hätte. Ich war fasziniert von der Darstellung des Glanzes und wollte mir diese Goldfarbe etwas genauer anschauen.

Langsam näherte ich mich dem Bild und – plötzlich geschah etwas Seltsames. Der Glanz verschwand und ich sah nur einzelne, farbige Pinselspuren. Verschiedene Schattierungen von Weiß und Gelbtönen, nebeneinander auf die Leinwand gesetzt. Ich konnte die einzelnen Farben genau unterscheiden, da war kein Gold, da war nichts Glänzendes.

Ich vergrößerte nach und nach wieder den Abstand zum Bild, starrte dabei fest auf die bewusste Stelle. Ohne Übergang begann sie wieder zu glänzen. Ich wiederholte die Vorwärts- und Rückwärts-Bewegung. Bei einem bestimmten Abstand passierte es jedes Mal: Gold wurde zu Weiß/Gelb und Weiß/Gelb wurde zu Gold.

Ihr merkt, bis heute habe ich dieses Phänomen nicht vergessen. Und bis heute sehe ich mir Bilder, die mich interessieren genau so an: Ich nähere mich langsam, betrachte Details, gehe zurück, schaue auf größere Bereiche. Ich versuche herauszubekommen, wie die Künstlerin, der Künstler gearbeitet haben, welche Wirkung sie wie erzeugen. Manchmal gelingt das, häufig nicht – aber immer lerne ich etwas dabei.


17. Dezember

I was nineteen and stood in front of the painting of some king in the Neue Pinakothek in Munich, whose golden insignia shone as if freshly polished.

Not that I was interested in the person portrayed. I was fascinated by the representation of the gloss and wanted to take a closer look at this gold color.

I slowly approached the painting and – suddenly something strange happened. The gloss disappeared and I only saw individual, colored brush marks. Different shades of white and yellow, placed side by side on the canvas. I was able to distinguish the individual colors exactly, there was no gold, there was nothing shiny.

I gradually increased the distance to the painting, staring firmly at that specific spot. Without a transition, it began to shine again. I repeated the forward and backward movement. At a certain distance it happened every time: gold became white/yellow and white/yellow became gold.

You notice that to this day I have not forgotten this phenomenon. And to this day I look at paintings that interest me in exactly the same way: I slowly approach, look at details, go back, look at larger areas. I try to find out how the artist worked, what effect he created and how. Sometimes it works, often not – but I always learn something.

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