Pinsel

Wenn Disziplin uns im Weg steht

Ob wir das Wort “Disziplin” verwenden oder nicht, wir haben – die meisten von uns jedenfalls – gelernt, dass man bei etwas einmal Begonnenem dran zu bleiben hat. Wo kämen wir hin, wenn wir unsere Arbeit einfach fallen lassen, statt sie zu beenden? Wie könnten wir etwas lernen, wenn wir nicht üben, und zwar regelmäßig?

Durchhaltevermögen, Disziplin – sie gelten als positive Eigenschaften, werden gelobt und gefordert.

Aber schwingt in diesen Worten nicht auch eine Form von Zwang mit? Von Selbstzwang? Und wie wirkt sich der auf unsere Kreativität aus?

Im Moment habe ich das Gefühl, mich selber auszubremsen, weil ich glaube fertigstellen zu müssen, was ich angefangen habe.

Das 100-Tage-Projekt fordert Durchhaltevermögen, ganz klar. Hier liegt allerdings nicht das Problem, denn die Collagen mache ich gerne und habe viel Spielraum innerhalb meines selbstgewählten Rahmens (ihr wisst schon: das Format von 15 x 15 cm).

Es sind die Südfrankreich-Bilder, die mich gerade unter Druck setzen. Gestartet bin ich mit viel Elan, weil ich mal wieder gegenständlich arbeiten wollte. Der Anfang lief gut, die drei Bilder entwickelten sich zuerst parallel, dann wurde eins fertig. Und plötzlich war die Luft raus.

Ich habe ein viertes, etwas kleineres Bild begonnen, nur daran gearbeitet und recht schnell war es beendet – ihr habt das vermutlich in den Videos (Teil 1 und Teil 2) gesehen. Ich mag es und bin glücklich damit.

Und was wird nun aus den beiden verbleibenden Bildern?

Eins – auch das habt ihr vielleicht im Video gesehen – habe ich mit einem neuem Motiv übermalt, bisher nur monochrom. Ansonsten stehen beide im Atelier herum und ich verspüre zur Zeit keine Lust, daran weiterzuarbeiten.

Ich möchte aber nicht nur Collagen machen. Ich möchte auch malen. Nur nicht diese beiden Bilder.

Ich sehne mich wieder nach dem Meer. Ich möchte abstrakt arbeiten, möchte diese Empfindungen auf die Leinwand bringen. Möchte spielen mit wilden Pinselschwüngen und großen Farbflächen, möchte kritzeln und wischen und mich richtig austoben.

Erlaube ich mir das? Erlaube ich mir, die anderen Bilder zurückzustellen, auch auf die Gefahr hin, dass sie vielleicht nie fertig werden?

Wer hält mich davon ab, wenn nicht ich selber? Wer will mir verbieten, neuen Ideen zu folgen, damit sie nicht verloren gehen? Zu schauen, welche Wege sie mir weisen?

Ich möchte hier nicht der Beliebigkeit das Wort reden. Heute dies, morgen das – damit bleiben wir nur an der Oberfläche. Spannend wird es darunter, wenn wir tiefer steigen. Wenn wir uns mit einer Idee eine Weile beschäftigen und entdecken, was möglich ist.

Dieser Entdeckergeist ist es, der uns weiterbringt. Und wenn die Disziplin ihm im Weg steht, dann muss sie einen Schritt zurücktreten.


When discipline stands in our way

Whether we use the word “discipline” or not, we have learned – most of us anyway – that once you start something you have to stick with it. Where would we be if we just dropped our work instead of finishing it? How could we learn anything if we don’t practice, and do it regularly?

Perseverance, discipline – they are considered positive qualities, are praised and demanded.

But isn’t there a form of compulsion in these words? Of self-compulsion? And how does it affect our creativity?

At the moment I feel like I’m outbraking myself because I think I have to finish what I started.

The 100-day project requires perseverance, of course. However, this is not the problem, because I like making the collages and have a lot of leeway within my self-chosen frame (you know: the format of 15 x 15 cm).

It’s the southern France paintings that are putting me under pressure right now. I started with a lot of enthusiasm because I wanted to work concretely again. The beginning went well, the three paintings first developed in parallel, then one was finished. And suddenly the air was out.

I started a fourth, slightly smaller painting, just worked on it and pretty quickly it was finished – you probably saw that in the videos (part 1 and part 2). I like it and am happy with it.

And what will become of the two remaining paintings?

One – you may have seen that in the video – I painted over with a new motif, only monochrome so far. Otherwise, both of them are standing around in the studio and I don’t feel like working on them at the moment.

But I don’t just want to make collages. I also want to paint. Just not these two particular paintings.

I’m longing for the sea again. I want to work abstractly, I want to bring these sensations to the canvas. I want to play with wild brush strokes and large areas of color, I want to scribble and wipe and really let off steam.

Am I allowed to do this? Do I allow myself to put the other paintings on hold, even at the risk that they may never be finished?

Who is stopping me if not myself? Who wants to forbid me to follow new ideas so that they don’t get lost? To see which paths they show me?

I don’t want to advocate arbitrariness here. Today this, tomorrow that – we only remain on the surface. It gets exciting underneath when we climb deeper. When we delve into an idea for a while and discover what’s possible.

It is this spirit of discovery that brings us forward. And if discipline gets in its way, then it has to take a step back.

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